Mit dem Rennrad über die Alpen

Tag 5: Von Livigno nach Aprica

Robert, ich musste so oft an deine Worte denken „Das Stilfserjoch ist kein Problem, aber der Mortirolo wird ätzend!“ Du hattest so Recht! Ingo und ich sind uns einig: den Passo Mortirolo fahren wir nie wieder (freiwillig)! Das war einer der heftigsten Anstiege die wir je gefahren sind, mit einer Rampe nach der anderen, die bis zu 21% Steigung hatten, ohne flache Stücke dazwischen, und das auf ca. 7 Kilometer (die letzten 3 der insgesamt 10 Kilometer des Anstieges waren ETWAS flacher). Und das mit den 4000 hm von gestern in den Beinen. Ingo hat mich ca. die Hälfte des Anstieges gezogen, er war unglaublich stark! An den weniger steilen Stücken (die es ja kaum gab), als ich überhaupt die Chance hatte, ein bisschen hochfrequentiger zu treten, bin ich allein gefahren. Und als mein Tacho zwischen 5 und 6 km/h anzeigte auch, denn da habe ich mit einer Hand an Ingos Satteltasche das Gleichgewicht nicht mehr halten können. Unvorstellbar. Und es hörte nicht auf. 38 Kehren, mit unterschiedlich langen Stücken zwischen den einzelnen Kurven… vorbei am Pantani-Denkmal, das Ingo nur gesehen hat, weil ich in der Kurve „Pantani-Denkmal!“ gerufen hab. Man redet da wirklich nur noch das nötigste: „Komm ran!“, „Bin dran!“, „Allein!“, „Kann ich wieder?“, „Wart, zu schnell!“ (das hab ICH zu INGO gesagt, weil er mich in den Stücken, wo ich allein gefahren bin, immer ein paar Meter abgehängt hat)…Erstaunlicherweise ging uns nicht „Warum mach‘ ich das eigentlich?“ durch den Kopf… gehör ich jetzt auch zu dem süchtigen Radfahrerpack?

Ihr merkt, dieser Pass hat mich beeindruckt. Vielleicht ein paar Worte zum Rest der Etappe: das Wetter war durchgehend trocken, heute morgen sonnig und kalt und im Ziel bewölkt und etwas wärmer. Unsere Strategie war: den ersten Anstieg (ca. 10 Km) so schnell es geht als Team (!) hochradeln, um in den folgenden 50 km bergab in eine schnelle Gruppe zu kommen. Das hat auch sehr gut geklappt und wir sind mit Leuten oben angekommen, die wir vorher noch nicht gesehen haben. Die Abfahrt ging dann auch flott und sicher (wir waren die ja gestern hochgefahren) und wir hatten gerade eine tolle Gruppe zusammen, die ich am Fuße eines kurzen Hügels anführte, als mich links einer überholte und zu Fall brachte. Ich weiß nicht, ob er einfach zu dicht an mir vorbeigefahren ist oder beim Überholen einem Schlagloch ausgewichen ist; auf jeden Fall hab ich mich laut Ingo, der hinter mir fuhr, gut abgerollt und vielleicht sogar verhindert, dass größeres passiert. Ich hab dann – liegend – schnell ausgeklickt, mein Rad, mich und meine Flaschen aufgehoben, kurz die Bremsen gecheckt und wieder aufgesprungen. Der Verursacher ist wenigstens stehengeblieben und hat sich entschuldigt; aber unsere gute Gruppe war weg und ich hab leichte Abschürfungen unterm Knie und an der Handinnenfläche (blöde Stelle wenn man vor hat, noch einige Stunden den Lenker festzuhalten)… und vielleicht ist uns auch ein Platz in der Tageswertung dadurch durch die Lappen gegangen. Aber ja, ihr habt alle Recht, Hauptsache, es ist nicht mehr passiert und meinem Fahrrad geht’s gut ;-).

Bis zum Fuße des Mortirolo haben wir dann in einer anderen Gruppe ordentlich Gas gegeben. Den Anstieg selber habe ich ja schon zur Genüge beschrieben :-). Als wir dann endlich endlich oben waren folgten einige Kilometer leicht welliges Gelände in der Höhe. Wir (also ich auf jeden Fall) genossen die unglaubliche tolle Aussicht und die Mengen an Riegeln und Trockenkuchen und was wir noch so an der Verpflegungsstation regelrecht gegrabscht hatten. Die Straße der Abfahrt war leider ziemlich schlecht und das Material (also die Räder) wurde so unglaublich strapaziert! Leider sahen wir auch ein in der Wertung vor uns liegendes Team am Straßenrand sitzen; anscheinend war was mit dem Fahrrad passiert, die beiden schienen unverletzt.

Die letzten 5 Kilometer bergauf haben wir dann – wieder als Team! – gut in die Pedale getreten und sind nach 04:42:00 Fahrzeit ins Ziel gerollt; für unsere Fans etwas früh, zumindest Papa hatte uns nicht so früh erwartet ;-).

Und noch eine Premiere gab es: Ingo ist eine Durchschnittsleistung von 262 Watt getreten – DURCHSCHNITT. Für die, die das nicht einordnen können: das ist verdammt viel! Zum Vergleich: Ein Profifahrer ist mal im Amstel Gold Race einen Schnitt von 260 Watt auf 06:20:00 gefahren – und er meinte hinterher, dass es ein hartes Rennen war…

Durchschnittgeschwindigkeit: 25,4

Max. Geschwindigkeit Céline: 75 km/h

Durchschnittspuls Céline:  157

Durchschnittspuls Ingo: 143

Durchschnittliche Leistung Ingo: 262 Watt

27.6.13 20:59

bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Schwäbischer Fanclub (27.6.13 22:45)
Ui, und wieder eine tolle Leistung! Glückwunsch, das Höhenprofil sah sehr fies aus!

Schön, dass Ihr so eine Tortur fahren müsst, um Euch die Frage nach Sucht zu stellen, die für Euer Umfeld schon lange rhetorisch ist (danke für die Vorlage ). Braucht's noch eine Antwort?

Unter Strich bleibt: ein Glück ist Dir beim Sturz nichts passiert, der eine Platz mag ärgerlich sein, aber mal ehrlich: hättet Ihr vorher mit den Platzierungen gerechnet?

Weiter so! Genau mit dem guten Maß an Ehrgeiz, gemeinsamen Willen und sportlichen Geschick!


Tini (28.6.13 07:58)
Ihr zwei Maschinen!!! Ich hoffe, ich habe euch jetzt nicht endgültig an den Radsport verloren... denn ja, ihr seid süchtig :-D! Nicht, dass es am WE nur noch zählt, aufs Rad zu kommen!


Ingos Büro (28.6.13 08:05)
Ein sehr schönes Bild!

Ingo.. Du Tier!!

Wie jeden Morgen: Liebe Grüße aus Ingos Büro!


Kerstin (28.6.13 09:58)
Hallo Ihr beiden,

ist ja mal wieder wirklich wahnsinn was Ihr da leistet!!! Und die Berichte lesen sich wie immer super gut und spannend. (nur die Zeilen vom Sturz waren eine kurzer Schock - aber zum Glück ist nichts passiert)

Ich wünsche Euch noch viel Kraft für den Rest der Tour und feuer Euch in Gedanken vom Schreibtisch aus an.

Passt gut auf Euch auf und kommt heil wieder!!!


Schwäbischer Fanclub (28.6.13 15:20)
Platz 7??? Céline: hast Du Dir das jetzt abgeschaut, wie man ANDERE aus dem Weg räumt?

Ihr fahrt jetzt nicht auch noch aufs Podest, oder?

Bei Eurer Leistung bekommt man ja Minderwertigkeitskomplexe... ich sattel um aufs Paddeln

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